Samstag, 3. September 2011

Kapitel 18.1


XVIII In Gefangenschaft


Der Rappe galoppierte in raumgreifenden Sprüngen. Seine starken Muskeln bewegten sich spielerisch unter dem blanken Fell. Mähne und Schweif wehten wild hinter ihm her in den Luftwirbeln, die sein schneller Lauf hervorrief. Kein Pferd Abhaileons hätte ihn an Schnelligkeit oder Ausdauer erreichen können. Selbst gebunden an die Naturgesetze dieser Welt verfügte er über gewaltige Fähigkeiten. Die Anmut und Stärke seiner Bewegungen waren wie ein Spiegelbild des jungen Sommers, der nun das Land unter seine Herrschaft zu nehmen begann. Wie ein lebendig gewordenes Gedicht.
Doch sein Reiter hatte dafür keine Gedanken. Barraid triumphierte. Jetzt hatte er das Mittel zurückgewonnen, das es ihm erlauben würden, die Eroberung dieses Landes schnell voranzutreiben. Seit dem Verlust des Rappens war er mehr oder weniger an die Umgebung Carraigs gefesselt gewesen, wollte er nicht die Herrschaft und die Übersicht über den Verlauf seiner Pläne wenigstens zeitweise aus der Hand geben.

Die widrigen Umstände hatten ihm zu Beginn des Winters nicht einmal erlaubt, sich nach Cardolan zu begeben, wo Hauptmann Urkha diesen wichtigen Gefangenen gemacht hatte. Wenn Urkhas Angaben stimmten, war es einer der beiden Ritter, die ihm schon einmal entkommen waren. Damals in Gleann Fhírinne. Doch selbst in dieser unglückseligen Drachenschlucht hatte das Schicksal nun endlich zu seinen Gunsten entschieden - er hatte den Rappen zurück.
Als er Asrik nach Cardolan geschickt hatte, war der Winter schon angebrochen gewesen. Das Felsland von Cardolan, dessen hartes und strenges Klima berüchtigt war, mußte schon so gut wie unzugänglich gewesen sein. Er selbst hatte es nicht riskieren können, dorthin zu reisen - auf gewöhnlichen Pferden und gewöhnlichen Wegen, gebunden an alle diese ärgerlichen physikalischen Gesetze und Schwierigkeiten, wollte er nicht Ríochan den sehnlich erwarteten Grund zum Eingreifen geben. - Dreifach verflucht Ríochan! Er war nicht zu unterschätzen. Diesen Fehler hatte er ein einziges Mal gemacht, damals als alles begann. Da hatte dieser sein so sanftmütig scheinender Bruder als einer der ersten das Schwert ergriffen und im Kampf eine Gerissenheit und stählerne Härte gezeigt, die selbst ihn überrascht hatte. Es hieß, er habe geschworen, seine Harfe nicht mehr anzurühren, bevor er das Schwert für immer beiseite legen könne.
Und Alif, dieser vermaledeite Idiot Alif, der schon auf seiner Seite gestanden hatte ... – es war besser nicht daran zu denken. - Schon mehrfach hatte Ríochan ihn in letzter Minute um den Sieg in Abhaileon gebracht. Nein, Barraid musste auf Carraig bleiben, um alles in der Hand zu behalten. Also hatte er nur diesen Boten geschickt. Asrik und Ingro zusammen sollten eigentlich in der Lage gewesen sein, Urkha von Hirnverbranntheiten abzuhalten.

Nachdem dann endlich die Frühjahrstauwässer den Weg frei gemacht hatten, war es notwendig gewesen, verstärkt ein Auge auf Estohars neuerliche Umtriebe zu halten. Ríochan war, wie zu erwarten gewesen war, auch nicht müßig gewesen und hatte begonnen, seine Akteure ins Feld zu schicken. In Croinathír hatte sich der Rat tatsächlich aufgerafft, ein Heer aufstellen zu wollen. Doch dieses Mal würde Barraid sich als der Listigere und Überlegenere erweisen. Seine Vorarbeiten waren ungeheuer sorgfältig gewesen, alle erdenkbaren Eventualitäten einkalkuliert.
Der Fall Ciaran war eine Probe gewesen, um zu überprüfen, wie gut er die Pläne des Gegners kannte. Mochte Ríochan sich freuen, daß der kleine Krieger jetzt in allen Städten und Burgen zum großen Kampf aufrief. Allzu viel Resonanz würde er ohnehin nicht finden, und soweit er Erfolg haben mochte: es war besser, später alle Widersetzlichen auf einem Platz versammelt zu sehen, um sie dort auf einen Schlag vernichten zu können, als sich mit langwierigen Partisanenkriegen herumzuschlagen.
Der Fürst zügelte sein Pferd und blickte zurück zu den Nordbergen, über denen das helle Sonnenlicht lag. Das höchste Vergnügen würde es ihm bereiten, alles so ablaufen zu lassen, daß Ríochan keine Chance zum Eingreifen erhielt. Ohnmächtig würde er zusehen müssen, wie Abhaileon, wie dann eine Welt nach der anderen, sich ihm, Barraid, freiwillig in die Hände gab. Wie reife Früchte zur Erntezeit würden sie ihm bald zufallen. Auch Arda, dieser Augapfel der Bemühungen des Feindes, würde fallen, mit dem Einverständnis seiner Bewohner. ´Und dann Ríochan, dann Michael, dann all ihr stolzen Heerführer´, sagte er, ´dann wird die letzte große Schlacht kommen, in der ich für alle Kränkungen und Niederlagen unbarmherzige Rache nehmen werde. Denn ich werde die Macht besitzen, die auch ihr in eurem Innersten begehrt, und ich werde sie zu nutzen wissen. Verlaßt euch darauf!´

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Die Zeiten, da Robin selbst die Gefahren Abhaileons wie ein fröhliches Abenteuer erschienen waren, lagen lange zurück. Er hätte nicht zu sagen vermocht wie lange. Seit jenem hellen Wintertag, als er in die Hände der Feinde gefallen war, schienen Zeitalter vergangen zu sein. Sein Verstand sagte ihm natürlich, daß es keine Zeitalter sein konnten, da er dann schon längst gestorben wäre. Aber manchmal fragte er sich, ob er nicht doch schon jenseits des Lebens war, denn ihn umgab nur noch schreckliche Dunkelheit.
Während dieses nicht faßbaren Zeitraumes seit seiner Gefangennahme, war ihm Stück für Stück alles verlorengegangen, das er noch besessen hatte: sein fast unverwüstlicher Optimismus, seine Hoffnungen und Träume. Selbst seine Erinnerungen hatten begonnen zu verblassen und zu sterben. Die Zeit, bevor er nach Abhaileon gekommen war, wirkte fremder als ein Märchen. Wie buntes Herbstlaub, das der Wind seinem Tod entgegentreibt, flatterte ab und zu ein unwirkliches Bild durch seine Gedanken: Berggipfel in strahlender Sonne, winterlicher Flockenwirbel vor dem Fenster des gut geheizten Zimmers, lange Teeabende mit Isabell, fröhliche Runden mit den Freunden, Herbstfarben auf goldenen Hügeln, wenn die Sonne über den Nebel gesiegt hat, die Aufbruchsfreude des herannahenden Frühjahrs und Musik.
Lieder fröhlich wie Vogelgezwitscher, Sinfonien so mächtig und weit wie das Meer und die Berge, Melodien so sanft und zärtlich wie eine streichelnde Hand,Themen voll Hoffnung, Freude, Mut und Licht.
Das unerwartete Treffen mit Béarisean. Die Reise durch Abhaileon. Der Drache. Die Begegnung mit Ríochan von Alandas. Der schwarze Hengst. Der Fechtunterricht bei Rodil. Eine wilde Verfolgungsnacht durch dunkle Wälder, über denen doch immer wieder ein strahlender Morgen aufging. Ein buntes Blatt der Erinnerung nach dem anderen schwebte vorbei, flatterte noch einmal kurz in der Luft und sank zu Boden, versank in der grausamen und schwarzen Realität seines Gefängnisses.

´Wie wenig es braucht, um mich zu zerbrechen´, dachte er. ´Ein paar Monate Dunkelheit, Kälte, Hunger, Krankheit und Einsamkeit, nicht mehr. Nichts Spektakuläres wie Verhöre und Folter. Vielleicht wäre so etwas sogar in einem gewissen Maße erträglicher gewesen. Etwas, das Widerspruch und Stolz hätte anstacheln können. Statt dessen umgibt mich nur Leere und Ungewißheit. Sinnlosigkeit. Ich vergesse, wer ich war und warum ich hierher gekommen bin.´
War es nicht zu Beginn dieser Gefangenschaft anders gewesen? Ein neues der bunten Blätter flatterte vorüber: Er war genauso wie jetzt an die Wand der Zelle gekettet, hilflos der Kälte und dem Hunger ausgeliefert, während draußen in der Welt außerhalb der Burg Cardolan der Winter mit aller Macht einsetzte. Hier spürte er nur den bitteren Frost, sah nichts vom strahlenden Weiß des Schnees und der Schönheit des Winters, die er immer geliebt hatte. Aber in seinem Herzen hatte er damals noch - wie lange war dieses Damals nur her? - das Licht bewahrt, das Bewußtsein, alle Unbilden in Erfüllung seines Auftrages zu erleiden.
Jetzt wußte er auch nicht mehr so recht, wie dieser Auftrag eigentlich gelautet hatte. Mit Gleichmut und Siegesgewißheit hatte er die spöttischen Bemerkungen des Wächters, der in unregelmäßigen Abständen Wasser und etwas Eßbares brachte, überhört, hatte über Urkhas gelegentliche Drohungen und Einschüchterungsversuche gelacht und, zum Verdruß desselben, die Größe seines Königs gepriesen.
Wie die vielen bunten Gedankenblätter vorher, begann auch diese letzte Erinnerung zu schwinden. So wie sein Mut geschwunden war, als Nässe und schlechte, körperliche Verfassung ihren Zoll gefordert hatten. Die Krankheit hatte ihm lange Tage die Besinnung geraubt. Heftige Fieber schüttelten ihn. In den wenigen klaren Momenten hatte er geglaubt und manchmal gehofft, bald zu sterben. Doch irgendwie hatte er überlebt. Die Fieber waren einer tiefen, unerklärlichen depressiven Stimmung gewichen, in der ein Stück seiner früheren Welt nach dem anderen versank. Er kämpfte dagegen an, doch es gelang ihm nicht mehr, einen Gedanken der Hoffnung zu fassen. Alles entglitt seinem Willen, der so kraftlos wie seine Hände war. Er wußte noch vage, tief in ihm war noch etwas, das Licht und Kraft geben konnte, aber er hatte keine Möglichkeit, daran zu rühren. Nicht nur sein Körper auch seine Gedanken lagen in Ketten, die nur wenige Zentimeter Bewegung erlaubten. Sinnlos sich dagegen zu wehren, es verursachte nur unerträgliche Schmerzen. Warum nur war er hier, warum? Er wußte es nicht mehr.

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Schwarz ragten die Zinnen von Burg Cardolan in den blaßblauen Sommerhimmel. Die einsame Heidelandschaft um die Felsenfestung hatte sich mit jungem Grün geschmückt. Ein sanfter Wind ließ die schwarze Fahne auf dem höchsten der Türme stolz wehen, als Barraid in den Burghof einritt. Hauptmann Urkha hatte sich beeilt, seinem Herrn mit einer Ehrenwache entgegenzukommen und begrüßte ihn mit einem unterwürfigen Fußfall. Barraid verspürte keine Lust, sich mit den Formalitäten aufzuhalten, auf die er sonst großen Wert legte. ´Wie geht es dem Gefangenen?´ fragte er herrisch und ließ sein Pferd ungeduldig tänzeln.
´Ausgezeichnet´, beeilte sich Urkha mit einem Grinsen zu versichern, das für den Zustand des Gefangenen nichts Gutes ahnen ließ. ´Ich habe mich mit besten Kräften um ihn bemüht und würde vermuten, daß er an dem Punkt ist, alles zu akzeptieren, um aus seiner mißlichen Lage herauszukommen.´
Barraid zog erstaunt und mißtrauisch die rechte Braue hoch. Seiner Einschätzung nach hatte Urkha nicht die Fähigkeiten, so etwas zu erreichen. Sein Blick suchte Ingro und Asrik. Sie waren anwesend, aber wagten nicht, zu ihm aufzublicken. ´Wir werden sehen´, sagte er langsam. ´Ich hätte vermutet, daß er harten Widerstand leistet und noch lange nicht so weit ist, wenn er wirklich einer dieser Ritter ist, die sich mir in den Weg stellen wollen.´
´Nun, Herr, er leistete Widerstand´, versicherte Urkha. ´Ich hielt es für meine Pflicht, mich selbst um den Fall zu kümmern. Aber er erhielt keinerlei Hilfe. Da zeigte er sich mir nicht gewachsen. Sie sind schwach und zerbrechlich, diese Menschen. Keine Gegner für uns.´

In Barraids Augen blitzte ein gefährlicher Funke auf. Dieser erbärmliche Hauptmann, wagte es "uns" zu sagen, sich in einem Atemzug mit ihm, dem Herrscher, zu nennnen. Wehe ihm, wenn er in seiner Aufgabe, diesen Ritter zu bewachen, versagt haben sollte. ´Du warst bisher immer besser in großmäuligen Behauptungen als in wirklichen Taten, Urkha´, sagte er hart. ´Wenn du gute Arbeit geleistet hat, wird das nicht ohne Lohn bleiben. Genausowenig wie wenn sich das Gegenteil herausstellen sollte. Laß den Gefangenen sofort hierherbringen!´
Urkha sprang stolz auf und befahl zweien seiner Leute barsch, dem Wunsch des Herrschers nachzukommen. Er legte Wert darauf zu demonstrieren, welch straffes Regiment er hier führte. Barraid gestattete mit einem Wink allen, sich zu erheben.
In Ingros Augen funkelte es spöttisch. Er war von Urkhas erfolgreichem Vorgehen auch ganz und gar nicht überzeugt. Im Gegenteil. Er wußte, daß der Hauptmann einen Fehler gemacht hatte. Er hatte ihn sogar einmal darauf angesprochen. Selbstverständlich nicht, um ihm zu helfen, sondern weil er genau wußte, daß Urkha auf seinen Rat hin genau das Gegenteil unternehmen würde. So war es auch geschehen.
Asrik presste die Lippen zusammen. Kein Zweifel, dass er beunruhigt war. Er hatte sich mit allem Einfallsreichtum, den er aufbringen konnte, bemüht Urkha zu einem anderen Vorgehen zu bringen. Es war hoffnungslos gewesen. Dann hatte er wirklich einmal vehementer eingreifen müssen; der Gefangene war fast umgekommen unter Urkhas brutaler Hand. Danach war es für ihn besser gewesen, dem Kommandanten aus dem Weg zu gehen, wollte er selber den Winter intakt überstehen. Immerhin hatte Urkha seine Strategie dann etwas geändert, und der Ritter lebte noch. Barraids Zorn würde wie ein Blizzard über sie kommen, dessen war sich Asrik gewiss, und er war einer der wichtigeren Führer hier. Er hatte den Blick des Fürsten bereits auf sich gespürt. Warum hatte Akan ausgerechnet ihn hier zurücklassen müssen? Kein glücklicher Gedanke. Wenn er das hier überlebte, würde der Lord ebenfalls Rechenschaft wollen ...
Barraid entging nichts von ihren Mienen. Asrik wurde fast zusehends blasser. Er stand soweit entfernt, wie es nur eben möglich war, ohne aufzufallen. Ingro – nun, Ingro hatte noch einiges zu lernen, wie es schien. Er wußte, dass Urkha etwas falsch gemacht hatte, aber glaubte sich selbst sicher vor den Folgen.
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Ein Geräusch unterbrach Robins Dahindämmern. Er blickte nicht auf, da er vermutete, daß es sich wieder um seinen Wärter handelte, der eine der seltenen Essensrationen brachte. Selbst das war ihm gleichgültig geworden. An den Hunger hatte er sich schon lange gewöhnt. Warum dieses Elend noch immer weiter verlängern? Er fühlte kaum, wie die eisernen Ketten, die ihn monatelang gefesselt gehalten hatten, gelöst wurden und stürzte nach vorn, als sie ihn nicht mehr hielten. Willenlos ließ er es mit sich geschehen, daß ihm die Hände auf den Rücken gebunden wurden und er hinausgeschleppt wurde.  Zum Gehen war er zu schwach. Irgendwann ließen sie ihn wieder los. Er fiel zu Boden. Mühsam versuchte er die Augen zu öffnen und das helle Tageslicht traf ihn wie ein Schock.

Barraid blickte schweigend und mitleidlos auf den gefangenen Feind, der vor ihm lag wie ein schmutziges Bündel Lumpen. Unwirsch riß er am Zügel des Rappen, der plötzlich wieder angefangen hatte, aufsässig zu steigen. - Es war in der Tat eine Herausforderung, dieses wilde Pferd zu reiten. Jetzt wurde das edle Tier wohl auch von diesem stinkenden Haufen Elend angewidert. - Er rief sich seine Begegnung mit den beiden mutmaßlichen Rittern ins Gedächtnis: zwei harmlos aussehende junge Männer mit aufrechter Haltung und Offenheit und Unbekümmertheit in den Augen. Es war leicht gewesen, sich auf den ersten Blick in ihnen zu täuschen. Doch die Unverfrorenheit, mit der sie ihn genarrt hatten, sprach für ihre Gefährlichkeit. Ríochans zwei Trumpfkarten: Ritter Anno aus Arda und der abhaileonische Lord Béarisean von Sliabh Eoghai, Colins Nachkomme. Dieses Mal würde er sich nicht mehr täuschen lassen.
Der Gegner rührte sich nicht. Wenn nun dieser Idiot von Urkha ihn so zugerichtete hatte, daß er zu nichts mehr zu gebrauchen war, daß er starb? Verdammnis! Er brauchte den Ritter lebend. Wütend zog er an den Zügeln des Rappen, der mit seinen Eskapaden verursacht hatte, daß er, Barraid, über diesen Winter fast zur Untätigkeit verurteilt worden war. Das Pferd schüttelte unwillig den Kopf und machte einen erneuten Ansatz zu steigen. Mit einer Handbewegung forderte Barraid einen der umstehenden Krieger auf, ihm den Kopf des Gefangenen zuzuwenden. - Er erkannte das Gesicht sofort wieder. Kein Zweifel, das war Anno, oder Robin, wie er sich nannte, der ihn mit dieser Vogelsache genarrt hatte. Seine einst fröhlichen Augen blickten leer und wie blind in das Sonnenlicht. Nun, es gab ein eindeutiges Beweisstück, mit Hilfe dessen er darüber befinden konnte, ob dieser gebrochene Mensch ein Ritter des gehaßten Königs war oder nicht. Er drehte sich um zu Urkha: ´Wo ist sein Schwert?´
´Euer Durchlaucht´, gab Urkha Auskunft, ´ich habe es in sicherer Verwahrung. Es ist ein schönes Stück mit verziertem Heft und sieht aus, als komme es aus Alandas. Ganz wie der Gefangene selbst, wenn seine Behauptungen stimmen. Solche Waffen sind gefährlich. Selbst hier in Abhaileon.´
´Erspare mir die unnützen Belehrungen!´ fauchte der Fürst. ´Schaff mir alles herbei, was er bei sich trug! Sofort!´ Diesmal stürzte Urkha selbst davon.

Barraid betrachtete währenddessen eine Weile nachdenklich den Gefangenen. ´Sag mir deinen Namen!´ fuhr er schließlich den unglücklichen Robin an, der noch immer halb blind in das Tageslicht starrte.
Seine Stimme war das erste, was dem Gefangenen wieder etwas klarer ins Bewußtsein drang. Schattenhaft erkannte Robin vor sich die Umrisse eines Reiters und etlicher Männer. Ein kräftiger Stoß des Mannes, der seinen Kopf an den Haaren gepackt und in den Nacken gerissen hatte, so daß er in das Licht blicken mußte, bekräftigte, daß er gemeint sei. Wer war er? Krampfhaft überlegte er, wer er eigentlich sei. Mit einem Gefühl der Erleichterung fand er die Worte: ´Robert Arnold´, flüsterte er.
Barraid lächelte zufrieden. ´Ich sehe der noble Ritter Anno aus Arda ist gesprächiger geworden´, sagte er spöttisch. ´Bei unserem letzten Treffen zogt Ihr es bedauerlicherweise noch vor, mir Euren richtigen Namen zu verschweigen. Das war äußerst unklug. Du gibst zu, jener Anno, Ritter des Königs, zu sein?´
´Ich weiß nicht mehr´, erwiderte Robin mühsam mit kaum hörbarer Stimme. Jeder Satz kostete so viel Kraft. Aber er wurde gedrängt weiter zu sprechen. ´ Wer seid Ihr? Eure Stimme ...´
´Ein Freund´, sagte Barraid knapp. ´Ich bin gekommen, dich aus deiner mißlichen Lage zu befreien, in die du durch eine Verkettung unglücklicher Umstände und Mißverständnisse geraten bist.´
In den leeren Blick des Gefangenen trat nach einer Weile zum erstenmal eine Regung von Hoffnung. Er hatte nicht alles begreifen können in diesem langen Satz. Nur dies eine Wort, das verheißungsvoll klang, was auch immer es in sich barg. ´Frei? ´

Die Rückkehr Urkhas unterbrach die Befragung. Er brachte das Geforderte herbei: Schwert und Panzer, Mantel und Harfe, ein paar kleinere Ausrüstungsgegenstände. Barraid warf einen flüchtigen Blick auf die Gravur des Brustpanzers. Das Motiv stimmte. Er ließ sich das Schwert reichen. Es war das Rubinschwert; fast hätte er aufgelacht. Das Glück stand wirklich auf seiner Seite. Aufmerksam strich er über die goldenen Verzierungen des Heftes und zog schließlich die Klinge ein paar Fingerbreit aus der Scheide. Das Metall gleißte blauweiß in der Sonne. Geblendet kniff er die Augen zusammen und schob die Klinge schnell wieder in die Scheide zurück. Ohne Zweifel, dies war ein Schwert aus Alandas. Kaum daß Ríochan selbst ein besseres tragen mochte. Die Ornamente sprachen eine klare Botschaft über den hohen Rang ihres Trägers.
Ungläubig glitt sein Blick zurück auf den Gefangenen. Es hätte ihm Befriedigung bereiten sollen, seinen Gegner so zerbrochen und gedemütigt vor sich zu sehen. Nur noch ein Schatten seiner selbst. Stattdessen fühlte er sich beunruhigt. Etwas stimmte hier nicht. Er kannte sie, diese Ritter des Königs. Durch die Jahrtausende hindurch hatte er immer wieder mit ihnen zu tun gehabt. Manche hatten ihm üble Schwierigkeiten bereitet, hatten ihn gezwungen ganze Schlachten verloren zu geben, und einige wenige hatten in dem Kampf die Seite gewechselt und ihm schließlich in die Hände gearbeitet. Solch ein Verrat war stets wertvoll gewesen, aber äußerst schwer zu erreichen. Es hatte ihn stets lange Zeit und große Mühen gekostet. Noch einmal glitten seine Finger über die Ornamente des Schwertknaufes. Ríochan war kein solcher Narr. Gleich wie schlecht die Karten des Fürsten von Alandas waren, niemals hätte er dieses Schwert in den Händen eines Menschen gelassen, der sich von einem kleinen Hauptmann wie Urkha so schnell zu einer Sinneswandlung bewegen ließ.

Der Fürst ließ sich die Harfe reichen und betrachtete sie längere Zeit nachdenklich und prüfend. So als sei das Instrument ein potentieller Feind. Vorsichtig strich er mit dem Finger über die gespannten Saiten. Da war etwas mehr an dieser Harfe als damals vor Monaten auf Carraig. Die Töne perlten klar und harmonisch über den Burghof. Barraids Blick verfinsterte sich schlagartig. Urkha fühlte eine erste Regung von Besorgnis in sich aufkeimen, auch wenn er nicht begriff, was hier vor sich ging. Was um alles in der Welt wollte der Herrscher mit dieser Harfe? Was konnte die schon bedeuten?
Der Fürst reichte das Instrument an einen der Männer, den er herbeiwinkte - die andern wagten nicht, sich zu rühren - und sprang aus dem Sattel. Wohl darauf bedacht, die Zügel seines rebellischen Reittieres mit ehernem Griff zu halten, trat er vor Robin. Die Männer, die den Gefangenen hielten, duckten sich, als er nähertrat. Auch Robin fühlte die Bedrohung, die von seinem Gegenüber ausging. Er wäre gerne, dem Instinkt folgend, zurückgewichen, doch vermochte es nicht. ´Sprich!´ befahl der Schwarze Fürst. ´Dies Schwert  ist dein rechtmäßiges Eigentum?´
Robin versuchte mühsam, seine verwirrten Gedanken zu konzentrieren und den Gegenstand zu erkennen, den ihm der Fremde entgegenhielt. Die Willensanstrengung schmerzte und seine Augen waren noch immer geblendet. Einen Augenblick gab der eiserne Ring, der seine Gedanken umklammerte, etwas nach, und er konnte die Waffe sehen. ´Mein Schwert´, sagte er wie verwundert. Die Welt schien wieder klarere Konturen anzunehmen. Vielleicht würde er sich bald wieder erinnern können. Doch da war er wieder der alles verschlingende Schmerz, der ihn zurückwarf. Er traf ihn wie ein glühendes Schwert und ließ ihn mit einem leisen Aufschrei in die Dunkelheit zurückfallen. Barraid runzelte ärgerlich die Stirn. Dieser Dummkopf von Urkha hatte doch nicht etwa ...? Es galt, sich Klarheit zu verschaffen.

´Blick mir in die Augen!´ verlangte der Fürst und der Gefangene folgte widerstrebend der Aufforderung. Die funkelnden schwarzen Augen Barraids bohrten sich tief in Robins leer gewordenen Blick, schienen seine Gedanken und sein Herz zu durchforschen. Es gab kein Entkommen davor. Ohne den Ritter aus seinem Blick zu entlassen sagte Barraid: ´Für deine Freiheit verlange ich nicht viel. Nichts als dein Wort, nie mehr die Waffe gegen mich, Fürst Barraid, Herr von Winian, Carraig und Cardolan und kommender Herrscher ganz Abhaileons, oder einen meiner Leute zu erheben und daß du mir die Ehre erweist, die mir als Herrscher dieses Landes zusteht.´
Einen Moment lang schien es Robin, als rege sich tief in seinem Innern Widerstand gegen diese Forderung. Doch er konnte sich nicht erklären weshalb. Wie auch immer er hierher geraten sein mochte, war es nicht eine Selbstverständlichkeit, die Gesetze des Lords oder Fürsten zu halten, auf dessen Grund und Boden er sich bewegte? Waren sie in der versunkenen früheren Welt Gegner gewesen? Es bedeutete nichts mehr. Er wollte nur noch seinen Frieden. Er wollte sagen: ´Ich gebe Euch mein Wort´, und brachte es nicht über die Lippen. Er hatte keine Hoffnung mehr, selbst die Freiheit erschien ihm sinnlos. Mochte er doch wenigstens sterben, ohne dem, für das er vorher gelebt hatte die Treue zu brechen. Was auch immer es gewesen sein mochte. Er beschloß zu schweigen. Doch wieder griff der grausame Schmerz in seinen Kopf und zwang ihm die Worte auf: ´Ich gebe Euch mein Versprechen.´ Der Schmerz zerbrach ihn fast, dann verlor er das Bewußtsein.

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